Weißt Du was, ich habe die Schnauze gerade mal richtig voll, von „Ernährungsexperten“, die ohne jede Recherche inhaltslose Artikel hinrotzen, nur, um eine Überschrift draufzupflanzen, die bei Google auf der ersten Seite landet: „Die Low-Carb-Lüge“ oder so ähnlich. Und damit meine ich nicht die Praktiken namenloser Hinterwaldblätter. Ich rede von den heiligen Kühen der Deutschen Medienlandschaft: „Stern“, „Spiegel“, „Focus“, „Die Welt“, „Die Süddeutsche“.

Aber lies einfach selbst:

  • „Low Carb Die Diäten-Lüge“ – Stern (keine Datumsangabe)
    • Weder wird in dem Artikel die „Lüge“ aus der Überschrift entlarvt, noch wird die Behauptung „letztlich schaden sie [die Low-Carb-Diäten] nur der Gesundheit“, aus dem Vorspann bestätigt. Damit könnte ich natürlich meine Rezension beenden, aber ich habe gerade viel zu viel Spaß, hier …
    • Im ersten Absatz warnen „Ernährungsexperten“ vor „Gesundheitsrisiken“, die nicht näher benannt werden und teilen mit, dass es zu Vollkorn, Obst und Gemüse keine Alternative gibt. Kuck mal einer an! Hättest Du geahnt, dass die Menschen von Vollkorn, Obst und Gemüse auf Low Carb umschwenken? Ich dachte immer, die kommen von Pizza, Pommes und Cola. Wieder was gelernt.
    • Im vierten Absatz ist entweder der letzte Satz verkehrtrum oder dort steht wirklich, dass sich „in mehreren Untersuchungen“ zu Low-Carb-Diäten „positive Auswirkungen auf bestimmte Herzrisikofaktoren andeuten“. Haben Sie Ihren Vorspann nicht gelesen, Frau Scheuplein?
    • Im fünften Absatz geht’s endlich zur Sache: Die Deutschen Ernährungswissenschaftler bleiben skeptisch. Au weia! Fett könne die Arterien verstopfen. Na, was’n Glück, dass in Pizza und Pommes keins ist. Der Rest des Absatzes versickert schamhaft im Konjunktiv.
    • Der sechste Absatz ängstigt mich mit einer brutalen Schilderung der Low-Carb-Hysterie in den USA. Da werden sogar Burger ohne Brötchen angeboten! Umgotteswillen!!!
    • Aber im siebten und achten Absatz die dramatische Wende: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hebt drohend den Zeigefinger und sagt „mindestens 50% Kohlenhydrate“! Moment, ich schlage nach: Laut DGE-Ernährungsregel Nummer zwo sind „reichlich Getreide und Kartoffeln“ zu verzehren. Burgerbrötchen- und Pommes sind gerettet, und Amerika kann uns mal. Nur die DGE-Empfehlung, wir sollten tierische Fette vermeiden und stattdessen welche aus Meeresfischen essen, stimmt mich am Ende etwas traurig.
  • „Diätformen: ,Low-Carb macht aggressiv‘“ – Spiegel (16.5.2014)
    • Der Artikel ist ein Interview mit Dr. Markus de Marées, Arzt und Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Trainingswissenschaften und Sportinformatik an der Sporthochschule Köln. Die letzte Antwort ist die beste: „Wenn Sie aber anfangen, das fehlende Brot und die fehlenden Kartoffeln kiloweise mit Fleisch zu kompensieren, geht der Schuss nach hinten los. Und Sie haben auch hier einen drohenden Jo-Jo-Effekt, sobald Sie wieder in alte Ernährungsmuster verfallen.“ Wenn ich also während des Abnehmens plötzlich völlig absurde Mengen verzehre, nehme ich nicht ab und wenn ich nach dem Abnehmen alles esse, was mich vorher dick gemacht hat, könnte ich auch nochmal wieder dick werden. Der Doktor hatte keinen Bock auf das Interview – oder? Aber Moment mal. Wenn ich während des Abnehmens dick werde, weil ich absurde Mengen verdrücke, bedeutet Jo-Jo-Effekt dann doch, dass ich nach dem Abnehmen wieder dünner werde …
    • „Low Carb macht aggessiv – je nach Veranlagung“ war die Antwort auf die Frage davor. Für diese Aussage ging der wissenschaftliche Mitarbeiter weite Wege: Ein einziger Selbstversuch, der nicht lange genug dauerte, um den Keto-Kater (oder die sogenannte „Low-Carb-Grippe”) hinter sich zu bringen. Dass er dann allerdings die Brust hat, das als Tatsache hinzustellen, ist leider wirklich nicht lustig. Schon wieder ein trauriges Ende. Männo!
  • „3. Diätlüge: Low-Carb-Diäten machen dauerhaft schlank“ Focus (01.04.2013)
    • Dieser Artikel ist der dritte Teil der Serie „Abnehmen Die 20 dicksten Diätlügen”. Die Ernährungswissenschaftlerin Susanne Klaus warnt im ersten Absatz: „Kein Zweifel, diese Diäten funktionieren, es ist aber bisher zu wenig über mögliche schädliche Auswirkungen bei längerer Anwendung bekannt“. 2013 war schon eine ganz stattliche Anzahl Studien zu diesem Thema durchgeführt worden, und sie hat absolut Recht: Schädliche Auswirkungen konnten dabei nicht beobachtet werden. Bleibt nur das Rätsel, wovor sie da warnt.
    • Der zweite Absatz erzählt von einer Frau, die während einer Atkins-Diät mit einer gefährlichen Stoffwechselentgleisung in ein Krankenhaus eingeliefert werden musste. Über diese Frau wurde 2006 in der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ berichtet. Sie hatte, strikt nach den Atkins-Regeln, deutlich weniger als 20 g Kohlenhydrate und viel Fett zu sich genommen, was eine Ketoazidose zur Folge hatte. Alle Studien mit egal wie vielen Probanden sind komplett wertlos, wenn man einen plakativen Einzelfall hervorzerren kann. Auf die Überschrift geht übrigens keiner der beiden Absätze auch nur ansatzweise ein – mehr Absätze sind da dann zum Glück auch nicht.
    • Im zweiten Absatz gibt es aber noch einen Video-Knopf am Wort „Diät“. Hier wird mir ein Film über die Ornish-Diät gezeigt, die mit Low Carb rein gar nichts zu tun hat. Das verwirrt mich ein wenig.
    • Das Beste, aber, kommt zum Schluss: Ein PDF-Link: „Low-Carb Diät-Ratgeber als PDF-Download – Abnehmen trotz Schlemmen?“ Ich klicke drauf und lese: „Für nur 6,99€ erhalten Sie in einem exklusiv von FOCUS Online zusammengestellten PDF wichtige Tipps und Tricks rund um das Thema Low-Carb-Ernährung. So erreichen Sie Ihr Wunschgewicht mit Genuss und bleiben dauerhaft schlank!“ Das ist jetzt ’n Scherz – oder? Nein, ist kein Scherz: In einem anderen Artikel preist der Focus „Die Atkins-Revolution”. Na, da ist dann doch für jeden was dabei!
  • „Darum sind Low-Carb-Diäten eine schlechte Idee“ Die Welt (2.1.2016)
    • „Wer keine Kohlenhydrate zu sich nimmt, verliert schnell Gewicht“. Aber ist es auch gesund, ganz auf Brot, Nudeln und Reis zu verzichten? Low [ləʊ], Adjektiv, niedrig (vgl. No [nəʊ], Adjektiv, keine).
    • „Gesund sei es nämlich nicht, komplett auf Kohlenhydrate zu verzichten.“ Low [ləʊ], Adjektiv, niedrig (vgl. No [nəʊ], Adjektiv, keine).
    • „Weniger geeignet [in einem ausgewogenen Speiseplan] sind Produkte mit viel Stärke wie Reis, Weißbrot und Kartoffeln. Menschen mit hohem Blutdruck, einer Fettstoffwechselstörung oder Diabetes sollten auf diese Kohlenhydratlieferanten verzichten.“ Das völlige Ignorieren der Überschrift hat bei der Welt Methode: Auch der Artikel „Warum die Eiweiss-Diät auf Dauer ungesund ist“ wandert komplett an der These aus der Überschrift vorbei. Was soll man da noch sagen?
  • Warum ,Low Carb’-Diäten ein Reinfall sind“ Süddeutsche Zeitung (18.2.2015)
    • Ein Video von Werner Bartens vom Ressort Wissen. Minute 1:30: „Und jetzt gab es kürzlich eine größere Untersuchung (Quelle, Herr Bartens???), die gezeigt hat, dass sich das [entweder das vermindern der Kohlenhydrate oder die Anwendung des Glykämischen Indexes, das wird nicht so klar] überhaupt nicht positiv auf Blutdruck und auf bestimmte Blutfette auswirkt und auch nicht auf den Insulinstoffwechsel …“
    • Minute 2:30 „… dass nur subjektiv oft der Eindruck ist, dass man damit gut abnehmen kann … kürzlich hat mir ein Bekannter gesagt, ,wenn man das Gefühl hat, dadurch abzunehmen, dann liegt das nur daran, dass man ständig auf der Suche ist und umherrennt, wo man was zu Essen findet, was man nach diesen Empfehlungen überhaupt essen kann’.“
    • Lieber Herr Bartens, wenn Sie sich mit einem Thema so überhaupt gar nicht befasst haben, machen Sie besser kein Video dazu. Man durchschaut das. Und fragen Sie beim nächsten Bierchen Ihren Freund doch nochmal, wovon er da eigentlich geredet hat.

Fazit

Das Geschreibsel ist zu allen Themen rund ums Abnehmen ähnlich schlimm. Low Carb ist da nur ein Beispiel von vielen. Es ist so offensichtlich, dass diese „Journalisten“ nie Menschen erlebt haben, die unter ihrem Gewicht gesundheitlich und psychisch leiden. Menschen, die jemanden gebrauchen könnten, der sie bei der Hand nimmt und ihnen mit guten Informationen bei der Suche nach ihrem Abnehmprogramm wirklich hilft, anstatt bloß für die Quote schnell mal was hinzurotzen und dabei nichtmal einen Gedanken daran zu verschwenden, dass sie jemanden mit ihrem herablassenden Abfackeln solcher Themen verunsichern könnten. So sieht es aus, wenn man für die Google-Platzierung schreibt und nicht für die Menschen. Lass Dich von diesen Luftpumpen nicht verunsichern!