„Low Carb hab ich versucht, funktioniert bei mir nicht.“ Diesen Satz höre und lese ich nicht nur wahnsinnig oft, ich habe ihn selbst gesagt. Damals habe ich, wie so viele, versucht, ab 16 Uhr die Kohlenhydrate wegzulassen. Und das hatte völlig andere Auswirkungen, als ich mir vorgestellt hatte. Ich war dauermüde, ständig gereizt und wahnsinnig leicht auf die Palme zu bringen. Kein Wunder, stand ich doch ab 16 Uhr ständig unter Strom. Alles, was ich abends einkaufen wollte: VERBOTEN! Cheeseburger auf dem Nachhauseweg: VERBOTEN! Belohnungsmilkshake nach der Arbeit: VERBOTEN! Cola: nicht verboten, kann man Zero nehmen: BÄH!

Überflüssig, zu sagen, dass ich diese Idee nach kurzer Zeit aufgab. Es macht eben absolut nicht glücklich, sich den halben Tag wie ein Junkie zu fühlen, sich beim Burger- und Asianudelbox-Duft im „Abendbrotzug“ vorzustellen, man würde Mitreisende überfallen, und ihnen das Essen klauen, und sich den anderen halben Tag mit absurd vielen Kohlenhydraten aufzuladen, dabei immer hungriger zu werden und bei allem abendlichen Verzicht auch noch zuzunehmen.

Wieso funktioniert Low Carb bei mir nicht?

Wieso funktionierte das bei mir nicht? Bei anderen klappte das doch wunderbar! War ich nicht willensstark genug? Ich war doch eisern dabei! Ich hab mir doch schon alles, was Spaß machte, verkniffen! Jetzt war ich also auch noch erfolgloser als alle anderen und voller Selbstzweifel. Aber echt jetzt mal: Wieso funktionierte das denn bei anderen und bei mir nicht? Naja, ich war, trotz Buch, schlecht informiert, miserabel vorbereitet, und schon der Ansatz war, zumindest für mich, totaler Quatsch, weil „einfach“ etwas wegzulassen keine funktionierende Basis zum Handeln bietet. Negative Anweisungen kann ich nicht vernünftig befolgen. Wenn ich in den Supermarkt gehe steht auf meinem Einkaufszettel ja auch nicht „keine Bananen“, sondern es steht drauf, was ich haben möchte.

Als mir dann auch noch klar wurde, dass ich nicht einfach dumpf etwas befolgen konnte, von dem ich nicht wusste, warum ich das machte, fing ich an, Informationen zu sammeln. Jetzt sagst Du vielleicht: „Du wusstest doch, warum: Abnehmen.“ Aber das war eben gerade mal so gut wie „keine Bananen“. Mir muss man die Dinge genauer erklären. Dann kenne ich das Ziel, kann mir eine Methode zu eigen machen und damit loslegen, den richtigen Einkaufzettel zu schreiben. Aber ich stolperte natürlich umgehend über das nächste Problem: Wer gibt mir die richtigen Informationen?

Die Suche nach der Wahrheit

Auf meinem Weg zu den richtigen Informationen wurde es immer medizinischer. Ich lernte unglaublich viel. Vor allem aber lernte ich, Studien und Statistiken immer bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen, denn was dabei rauskommt, hängt nicht nur davon ab, wer sie bezahlt, sondern auch davon, wer sie mit welchem Ziel zitiert und interpretiert. Ein und dieselbe Studie wird gern mal als Beweis für These A, Beweis für These B und Beweis für das komplette Gegenteil von beiden herangezogen. Da möchte man dann schon mal wissen, was nun wirklich drinsteht und wie der Versuchsaufbau war. Studien zurückverfolgen sorgt übrigens für ausgeprägte Schlafanfälle und jähe Müdigkeit, vor allem, wenn man immer wieder feststellen muss, dass sie von Pharmaziekonzernen bezahlt werden, die keine Ergebnisse veröffentlichen würden, die Umsatzeinbußen bringen könnten. Wirklich unabhängige Studien in einem Themenbereich, der so einträglich ist wie Ernährung, gibt es wahnsinnig wenige. Und auch bei denen bleibt die Frage offen, ob immer die korrekten Schlüsse gezogen werden können, denn Ernährung ist etwas so individuelles, dass man sie auch mit korrekt durchgeführten langjährigen Massenstudien nie wirklich greifen kann. Wenn also irgendwer eine Studie zitiert, um eine These zu bekräftigen, können wir meist einfach weiterblättern, denn sie oder er hat oft nichts in der Hand.

Die Überraschung: Wir wollen nicht einfach abnehmen

Bisher wurde uns eingebläut, es ist nicht die Kartoffel, die uns dick macht, es ist die Sauce oder Fett macht fett, iss fettarm, wenn Du abnehmen willst. Doch heute, 2016, gibt es nur ganz, ganz wenige, die das noch unterschreiben würden (zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, aber davon ein andermal mehr).

Der heutige Stand der Wissenschaft ist, vereinfacht ausgedrückt: Wir sind keine Schachteln, sondern komplizierte biochemische Organismen. Was wir reintun, bleibt nicht einfach so und wird irgendwann wieder ausgegeben, es wird bis ins Kleinste zerlegt und völlig neu zusammengefügt, um damit verschiedene Prozesse in Gang zu setzen, die unseren Organismus am Leben halten. Das ist dann Stoffwechsel. Und den (bzw. die, denn es gibt eine Vielzahl von Stoffwechselvorgängen) gilt es, grob zu verstehen, um herauszufinden, was genau wir wollen. Und die Überraschung ist: wir wollen nicht einfach abnehmen.

Beim Abnehmen, wie wir es „gelernt“ haben, zum Beispiel, indem wir weniger Kalorien zuführen als wir verbrauchen, arbeiten wir gegen unseren Körper. Wir begrenzen seinen Zugriff auf Nährstoffe und provozieren so eine Gegenreaktion, die es uns irgendwann unmöglich macht, weiter abzunehmen. Der Energieverbrauch wird so weit wie möglich gesenkt, der Energiefresser Muskulatur wird abgebaut, die Nährstoffe, die reinkommen, werden eingelagert und nur im äußersten Notfall wieder ausgegeben. Wir sind müde und antriebslos, damit verbrauchen wir weniger, und wir müssen uns gegen eine wahre Flut von Heißhungern wehren, die uns verlocken soll, mehr Brennstoff zu liefern. Das wollen wir so nicht!

Zwei Freunde wollen wir sein

Was wir wollen, ist, mit unserem komplizierten Organismus zusammenarbeiten. Ihm das geben, was ihm gut gefällt, damit er uns am Ende erlaubt in diesem Bikini super auszusehen. Und dazu müssen wir erstmal Freunde werden. Und jetzt kommen wir endlich zu ein paar greifbaren Fakten.

  • Der Körper kann Energie aus den drei Hauptnährstoffen gewinnen: Kohlenhydrate, Eiweiße, Fette. Von diesen Dreien können Kohlenhydrate vom Körper am leichtesten in Energie umgewandelt werden. Das Problem hierbei: Was schnell verarbeitet werden kann, wie Zucker oder Weißmehl, macht nicht lange satt.
  • Die Kohlenhydrate werden in Einfachzucker aufgespalten und ans Blut abgegeben. Wenn der Zuckeranteil im Blut eine bestimmte Grenze überschreitet, wird das Hormon Insulin ausgeschüttet. Dieses Hormon entfernt den überschüssigen Zucker aus dem Blut, indem es ihn in die Leber und in Fettzellen einlagert, wo er erst als Energiedepot fungiert (Glykogen) und später in Fett umgebaut wird.
  • So lange dieser Kreis funktioniert, weil reichlich Kohlenhydrate nachkommen, gibt’s auch immer was einzulagern und der Körper hat keinen Grund, die Fettreserven wieder freizugeben. Er hat aber auch keine Chance, denn wenn es immer was einzulagern gibt, also ständig Insulin ausgeschüttet wird, kann das Hormon Glucagon, der Gegenspieler des Insulins, nicht wirksam werden. Es kann nur eines geben – zumindest gleichzeitig!
  • Glucagon hat die Aufgabe, einen zu niedrigen Blutzucker zu erhöhen. Zu diesem Zweck befreit es zunächst das eingelagerte Glykogen aus den Fettzellen, baut wieder Zuckermoleküle draus und führt es so der Energiegewinnung zu. Damit es das machen kann, muss ich verhindern, dass ständig das Insulin auftaucht und etwas einlagern will. Also muss ich mir Nahrung zuführen, die nicht nach Insulin ruft. Soll heißen: Nahrungsmittel, die den Blutzucker erhöhen, sprich: Kohlenhydrate, bleiben für ein paar wenige Tage komplett draußen.
  • Das völlige Fehlen von Kohlenhydraten in der Nahrung bringt das Glucagon in Bedrängnis, denn wenn das Glykogen alle ist, muss es irgendwas liefern, um die Energieversorgung zu gewährleisten. Es ruft also das Enzym Lipase auf, das Fett spalten und so der Energiegewinnung zuführen kann. Das ist der Startschuss für den Fettstoffwechsel.
  • Wieviele Tage es braucht, bis ausreichend Lipase hergestellt ist, ist individuell verschieden. Es kann während dieser Phase der Keto-Kater auftreten. Das sind ein paar unangenehme aber nicht wirklich schlimme Symptome wie Kopfschmerzen, Müdigkeit, Mund- und Körpergeruch. Der Kater kann durch Salz und gutes Fett (Olivenöl, Weidebutter) abgemildert werden. Wenn der Fettstoffwechsel eingesetzt hat, merken wir das deutlich an einem enormen Energieanstieg.

Ab hier Geschmackssache

Jetzt kucken wir in dieselbe Richtung. Ich muss dem Körper nichts mehr entziehen, sondern versorge ihn freudig mit Energielieferanten aus Eiweiß, Fett und wenigen Kohlenhydraten (großer Vorteil hierbei: Fett und Eiweiß werden langsam verarbeitet und machen so lange satt). Er hat keinen Grund mehr für Gegenreaktionen und schiebt mir zum Dank für das tolle Essen nach und nach das eingelagerte Fett nach draußen, wo ich es, nachdem es der Energieversorgung gedient hat, einfach ausatme, und am Ende sehe ich in diesem Bikini sensationell aus. DAS ist Low Carb. Nix mit 16 Uhr. Die Idee, abends auf Kohlenhydrate zu verzichten, ist an sich zwar nicht die schlechteste, sie ähnelt ein wenig dem Intervallfasten, aber sie entfaltet ihr Potenzial erst richtig, wenn der Fettstoffwechsel aktiviert ist.

Jetzt kann ich bei den verschiedenen Methoden schauen, was mir da am leckersten erscheint und ausprobieren, womit ich mich am wohlsten fühle. Ob Ketogen oder Low Carb High Fat (LCHF), Paleo, Energiedichte-Prinzip, Logi, Glyx, K49, K99 oder einfach frei nach Schnauze, ab hier ist Low Carb Geschmackssache. Verzicht ist kaum mehr ein Thema, denn zumindest die körperlichen Heißhunger verschwinden völlig und das eingelagerte Fett wird nun langfristig abgebaut. Sogar die Mitreisenden im Abendbrotzug sind inzwischen vor mir sicher. Wer braucht schon Asianudelbox, wenn zu Hause Zucchini Carbonara oder Mascarponecreme warten?