Hollywood muss schon seit fast 100 Jahren immer wieder Namenspate für verschiedenste Diäten spielen und – oh Wunder – der Name zieht noch genau wie damals, denn „Hollywood“ steht für schnellen Gewichtsverlust. Bei der augenblicklichen Version wird’s allerdings richtig gefährlich:

Die hCG-Diät (auch unter anderen Namen wie Stoffwechselkur oder Adipositaskur bekannt)

Das humane Choriongonadotropin, kurz hCG, ist ein Peptidhormon, das während einer Schwangerschaft in der Plazenta gebildet wird und für die Erhaltung der Schwangerschaft verantwortlich ist.

Die hCG-Diät geht zurück auf den britischen Endokrinologen Dr. Albert Simeons, der in den 1950er Jahren schwangere Frauen in Indien untersuchte, die sich einer kalorienarmen Diät unterzogen (mich würde an dieser Stelle wahnsinnig interessieren, wieso sich ausgerechnet schwangere Frauen einer Diät unterziehen, aber das habe ich leider noch nicht herausbekommen können). Er beobachtete, dass die Frauen eher Fettgewebe als Muskelgewebe (Magermasse) verloren, vor allem, wenn er ihnen kleine Gaben von hCG verabreichte (ein weiteres Rätsel: Wieso gibt man schwangeren Frauen, die doch selbst hCG produzieren, zusätzlich hCG? Auch nicht rauszukriegen. Ich werde mich irgendwann, wenn ich mal Zeit habe, um Einsicht in die Protokolle von Dr. Simeons bemühen, sofern das möglich ist. Mir ist das alles ein bisschen zu neblig.). Und jetzt haben alle vor lauter Klammern den Faden verloren.

Also: Dr. Simeons beobachtete, dass Frauen, die sich einer strengen, kalorienarmen Diät unterzogen, unter dem Einfluss von hCG eher Fettgewebe als Magermasse verloren. Er zog daraus unter anderem den Schluss, dass hCG die Magermasse schützt, darüber hinaus blieben Heißhungerattacken aus. Auf den Protokollen seiner Forschung basierend entwickelte er ein Adipositas-Programm, nachzulesen in seinem Buch „Pounds & Inches: A New Approach To Obesity“.

Der Aufbau des Programmes ist schnell erklärt:

  • Zwei „Ladetage“, an denen man sich komplett überfressen soll.
  • 21 bzw 42 Tage Strikte Diätphase mit 500–800 Kcal pro Tag und hCG-Gaben
  • 21 Tage Stabilisierungsphase mit bis zu 1200 Kcal pro Tag und keine hCG-Gaben

Der erste Gedanke, der sich einem bei einer 500-Kalorien-Diät aufdrängt, ist natürlich, „wozu brauche ich das hCG, bei der Kalorienmenge nehme ich doch automatisch ab.“ Hm. ja und nein. Wenn ich die Energiezufuhr so weit runterfahre, passt sich der Körper an und hortet alles, was er nur bekommen kann, anstatt es auszugeben. Möglichweise nimmt man bei so wenig Kalorien sogar eher zu als ab, weil der Stoffwechsel dann ganz anders arbeitet. Während einer Schwangerschaft sind aber andere Funktionen viel wichtiger und das teilt das hCG dem Körper unmissverständlich mit, denn seine Aufgabe ist es ja, die Schwangerschaft aufrechtzuerhalten, bis genügend Progesteron hergestellt ist und diesen Job übernehmen kann. Vereinfacht ausgedrückt: hCG ist weder ein Appetitzügler noch ein Fettkiller, es hebelt bloß den Sparmodus des Körpers komplett aus (und damit auch den Heißhunger), so dass man tatsächlich mit so wenig Kalorien gut abnehmen kann.

Dieses Programm funktioniert. Daran ist nicht zu rütteln. Und heutzutage muss man auch nicht mehr ein aus dem Urin schwangerer Frauen extrahiertes Hormon gespritzt bekommen (finde nur ich das eklig?), für 1000 €, die Dreiwochenkur. Sie haben hCG, das zum Zwecke des Gewichtsverlusts in diesem Land definitiv nicht zugelassen ist, extrahiert und als Homöopathie verkleidet, um es rezeptfrei verteilen zu können. Eine katastrophale Idee, denn so wird verharmlost, was absolut nicht harmlos ist.

Wie man es auch anfängt, dieses Programm ist wirklich gefährlich! Bei Hormonen stellen sich generell meine Nackenhaare auf, aber ebenso bei einer Kalorienmenge von einem Viertel des durchschnittlichen Verbrauchs. Wer eine gesunde körperliche Reaktion auf Mangelernährung mit einem Hormon auszuhebeln versucht, damit er schneller an Gewicht verlieren kann, macht seinen Körper auf jeden Fall krank. Da hilft es auch nur bedingt, wenn man statt richtiger Nahrung nur noch Nahrungsergänzungen zu sich nimmt, die wenigstens dem Mangel an Mikronährstoffen entgegenwirken, denn die Folgen, die es auf jeden Fall hat, wenn die natürlichen Mechanismen des Körpers hormonell ausgehebelt werden, sind überhaupt nicht absehbar.

Fünf Fragen zur hCG-Diät

Gut oder schlecht? Wahnsinnig gefährlich!

Schnell oder langsam? Schnell.

Teuer oder preiswert? Geht beides. Man kann sich das echte hCG spritzen lassen, für 1000 €, die Dreiwochenkur oder Pseudo-hCG verwenden, das als Homöopahie daherkommt und ca. 20 € für die Dreiwochenkur kostet. Egal, welches hCG gegeben wird, man kommt um Nahrungsergänzungen nicht herum, und die gehen gernmal ins Geld.

Was ist mit dem Jojo-Effekt? Die heutige Auslegung des Programmes verspricht, nach der schnellen Gewichtsabnahme in der strikten Phase, die Veränderung des Setpoints, also des Gewichts, das der Körper immer wieder anzustreben versucht, während der Stabilisierungsphase. Ob sie das Versprechen halten kann, ist eher fraglich, denn es ist nichtmal sicher, ob es den Setpoint überhaupt gibt.

Für wen ist das Programm gut? Für Menschen mit starker Adipositas und nur im Rahmen einer klinischen Kur wäre das durchführbar, und könnte sicherlich ein guter Start in eine dauerhaft bessere Ernährung sein, aber selbst dann wären die Spätfolgen des hormonellen Eingriffs in die Körperchemie nicht abzusehen und es gibt da durchaus Alternativen, die alle vorzuziehen sind. Unter Eigenregie darf dieses Programm bitte von absolut niemanden durchgeführt werden!

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