Eine Idee, die zwar überhaupt nicht neu ist, die aber fast wie eine Trotzreaktion auf die anhaltenden Trends wirkt, ist

High Carb 

1983 veröffentlichte Dr. Robert Haas sein Buch „Eat To Win – The Sports Nutrition Bible“ und landete damit auf Platz 1 der US-Bestsellerlisten. In der Deutschen Übersetzung kam der Titel komischerweise einen winzigen Hauch leiser daher: „Die Dr. Haas Leistungsdiät für Sport, Beruf und Fitness“. Dieses Ernährungsprogramm sieht vor, in einem Drei-Stufen Plan mit einem stark erhöhten Anteil von Kohlenhydraten (70–80%) und ebenso verminderten Fett- und Eiweißanteilen (10–15%) den Körper fit für Sport und Alltag zu machen.

  • Stufe 1: 1000 Kilokalorien, hauptsächlich aus Kartoffeln, Getreideprodukten, Frühstücksflocken, Haferflocken, Naturreis und Vollkornspaghetti, ergänzt durch Hülsenfrüchte, Geflügel, fettarmen Käse, Fisch und Rohkost
  • Stufe 2: 1200 Kilokalorien. Hier sind zusätzlich geringe Mengen Rind-, Schweine- und Kalbfleisch sowie fettarme Milch, Joghurt, Margarine, Pflanzenöl, Mayonnaise und ein wenig Alkohol erlaubt
  • Stufe 3: 2000 Kilokalorien, verteilt wie bei Stufe 2, auch als Dauerernährung gedacht.

Wendet man Stufe 1 bei erhöhten Blutfettwerten an, sinken diese tatsächlich wieder bis in den Normalbereich, allerdings sorgt die extrem niedrige Fettzufuhr für einen Mangel an essentiellen Fettsäuren, zudem entsteht auch bei Stufe drei noch ein Mangel an Zink, Selen, Jod, Eisen und Kalzium. Dr. Haas empfiehlt die Einnahme von Nahrungsergänzungen in hohen Dosierungen: bestimmte Aminosäuren, L-Carnitin, Coenzym Q10 und Vitamine.

Die Frage, die sich mir vordringlich stellt, lautet: Möchte man dauerhaft mit einer Ernährungsweise leben, die den Körper so schlecht versorgt, dass man auf Nahrungsergänzungsmittel angewiesen ist? Fürs Ego scheint diese Ernährung aber ziemlich gut zu sein – zumindest, wenn andere so leben, denn Dr. Haas bezeichnet sich selbst als Sports Nutrition Guru und erzählt gern, wie weltberühmt er ist.

Wer hat diese weltberühmte Bestselleridee jetzt eigentlich wieder ausgebuddelt?

  • Dr. Douglas Graham mit der 80/10/10 Diet, die in den USA bereits 10 Jahre alt, bei uns aber anscheinend erst 2015 erschienen ist. Laut Graham hat die Natur folgende Ernährungsformel für uns vorgesehen: 80% Kohlenhydrate, 10% Eiweiß und 10% Fett. Und das in Form von veganer Rohkost. Hauptnahrungsmittel ist unverarbeitetes Obst. Ob das alltagstauglich ist, müssen wir gar nicht diskutieren. Und wie damals schon Dr. Haas hat nun also auch noch die Natur irgendwo einen Fehler gemacht, denn mit einem solch geringen Fettanteil kommen wir einfach nicht aus und Mangelerscheinungen müssen mit Nahrungsergänzungen abgepuffert werden.
  • Dr. John A. McDougall mit seiner Starch Solution. In den USA 2012 erschienen, bei uns ebenfalls 2015, unter dem Titel „Die High Carb Diät“. McDougall setzt auf eine vegane, stärke-basierte, gekochte Kost. Es werden nur komplexe Kohlenhydrate empfohlen, die das Insulin nicht zum Schwanken bringen und man soll keine Kalorien zählen, sondern sich einfach satt essen. Eine genaue Angabe zum Verhältnis Kohlenhydrate/Eiweiße/Fette habe ich noch nicht finden können. Möglicherweise darf man sich hier sogar ohne vorprogrammierte Mangelerscheinungen ernähren. Das klingt eigentlich nach einer guten Ernährung. Wenn man sich dann noch schlau macht und sich die richtigen Lebensmittelkombinationen merkt, damit die Nahrung alle essentiellen Aminosäuren liefern kann, steht dem nicht viel im Weg.
  • Freelee the Bananagirl mit Raw Till 4 („Roh bis 4“). Der Australische YouTube Star propagiert eine hochkalorische (2000–5000 Kcal täglich) Mischform aus 80/10/10 und der Starch Solution. Die ersten beiden der drei täglichen Hauptmahlzeiten sollen rohes Obst sein, das Abendbrot darf gekocht sein und zugesetzte Fette kommen eigentlich überhaupt nicht vor, was zu einem 90/5/5-Verhältnis führt, das den Körper auf Dauer definitiv krank macht, was auch immer Freelee sagt. Sie selbst isst auch schon mal über 50 Bananen pro Tag, was wirklich ’ne Leistung ist, und ernährt auch ihre beiden Hunde vegan, was eigentlich den Tierschutz auf den Plan rufen müsste.
  • Verschiedene Kraftsportler mit verschiedenen Ernährungsweisen, vielen Vorher-Nachher-Bildern und einem Kohlenhydratanteil von mindestens 70%. Die Jungs sehen alle toll und gesund aus, auf den Nachher-Bildern, und möglicherweise ist eine solche Ernährungsweise für Intensivsportler, die sie gut vertragen, wirklich eine Superidee, denn das in der Muskulatur eingelagerte Glycogen wird sofort verbraucht und kommt überhaupt nicht dazu, den Körperfettanteil zu erhöhen.

All diese neuen High-Carb-Programme haben – neben einer gewissen Alltags-Untauglichkeit – gemeinsam, dass sie auf möglichst langkettige Kohlenhydrate setzen, die eine geringe glykämische Last mit sich bringen und so die Insulinausschüttung nicht übermäßig anregen. Zucker oder hochverarbeitete Lebensmittel werden völlig vermieden. Dass diese Ideen aus den verschiedenen Low-Carb-Programmen stammen, füge ich jetzt nur an, um die „Eighty-Ten-Tenner“ ein bisschen zu ärgern.

Fünf Fragen zu High Carb

Gut oder schlecht? Für Nicht-Intensiv-Sportler (und Nicht-YouTube-Ikonen) völliger Quatsch.

Schnell oder langsam? Es werden, in Tateinheit mit sehr intensivem Muskeltraining, relativ  beeindruckende Ergebnisse beim Abbau von Fett und Aufbau definierter Muskulatur erzielt. Der Gewichtsverlust hält sich sehr in Grenzen, aber der Körperfett-Anteil sinkt beträchtlich. Es sei denn, natürlich, man isst für 5000 Kcal täglich Bananen, dann nimmt man auch schon mal ganz schnell 20 Kilo ab.

Teuer oder preiswert? Nicht teuer.

Was ist mit dem Jojo-Effekt? Anscheinend neigen die Anhänger dieser Ernährungsform eher nicht so sehr dazu, morgens zwischen Pizzaschachteln, Chipstüten und Bierdosen neben dem Sofa aufzuwachen. Wer mit dem Training aufhört und so weiterisst, nimmt aber unweigerlich zu.

Für wen ist das Programm gut? Für Leistungs- und Intensivsportler.

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