Der nächste absolute Klassiker hat sich Ende 2015 frisch in Schale geschmissen und kommt jetzt als „Feel Good“ Programm daher. Die einfache Punkteliste ist Geschichte, jetzt wird individuell gerechnet und damit auch – ganz nebenbei – vermieden, dass mehrere Freundinnen und Freunde mit nur einer Mitgliedschaft zusammen abnehmen:

Weight Watchers 

Die stark übergewichtige New Yorker Hausfrau Jean Nidetch (1923–2015) fand Anfang der 1960er Jahre heraus, dass es viel einfacher ist, zusammen mit Freunden abzunehmen, als allein. Sie traf sich regelmäßig mit einigen Freunden zum Austausch über ihre Abnehm-Erfolge in ihrer Wohnung und vermittelte diesen Freunden dabei ihr Wissen, das sie während eines Klinik-Aufenthaltes erworben hatte. Der interessierte Freundeskreis wuchs schnell und zwei dieser neuen Freunde, Felice und Al Lippert, überzeugten sie davon, dass gemeinsames Abspecken auch eine grandiose Geschäftsidee wäre. So wurde 1963 das Unternehmen Weight Watchers gegründet. 1978 verkaufte sie das Unternehmen zusammen mit den Lipperts für 71,2 Millionen Dollar an die H.J. Heinz Company (Yup! Die mit dem Ketchup), die es 1999 wiederum an den Investor Artal Luxembourg S.A. für etwa das zehnfache (735 Millionen Dollar) weiterverkaufte. Im November 2001 ging das Unternehmen an die Börse und ist heute ein Konzern mit 21.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,480 Milliarden Dollar (2014). Beeindruckend!

Über die Jahre hat Weight Watchers sich immer wieder neu erfunden und das Konzept zum Gewichtsverlust wieder und wieder grundlegend verändert. 1997 wurden die ersten Points-Pläne etabliert, die die Berechnung der Lebensmittel für die Teilnehmer vereinfachen sollten. Auf die Points folgten Points Plus, Flex Points, Pro Points und nun Smart Points. Mit der WW-Währung änderte sich immer auch, wieviel man täglich im Portemonnaie hatte, was man sich davon kaufen konnte und – vor allem – wieviel. Danja vom Feinkostpunks-Blog hat diesen Unterschied in einem Forum mal an einem guten Beispiel gezeigt: Ein Durchschittsbrötchen im Vergleich zu einem kleinen Hähnchenfilet: Points Plus und Flex Points: Punkte identisch. ProPoints: Brötchen doppelt so teuer wie das Hähnchenfilet. Smart Points: Brötchen fünf Mal so teuer wie das Hähnchenfilet.

Das macht es selbst für Mitglieder schwierig, am Weight-Watchers-Ball zu bleiben. Sie müssen entweder ihr Traumgewicht erreicht haben, bevor das System wechselt, sonst sind ihre alten Unterlagen, inklusive der Kochbücher, nur noch Altpapier und sie müssen in neue investieren oder sie müssen sich an das jeweilige System anpassen, was nichts anderes bedeutet als Ernährungsumstellungs-Umstellungs-Umstellungs-Umstellung. Da bleibt ein dauerhafter Lernerfolg schon mal aus, denn die Lehren, an die man bis gestern glauben sollte, gelten heute plötzlich nicht mehr. Konnte man ins Points-Plus-Programm noch problemlos eine Tüte Gummibärchen integrieren, hat man heute echte Probleme, dieselben Bärchen mit Strafrundenlaufen wieder abzuarbeiten, bis deren Kohlenhydrate aufgebraucht sind.

Wer von der Vorgeschichte nichts mitbekommen hat, und heute Mitglied wird, dem wird ein wunderbares Programm an die Hand gegeben. Mit wenig Kohlenhydraten, viel Eiweiß und Bewegung. Das Programm funktioniert und ist gesund. Es passt sich nur nicht mehr so nahtlos an die Lebensgewohnheiten der Anwenderinnen und Anwender an wie frühere WW-Versionen, sondern verlangt eine echte Ernährungsumstellung und Anpassung ans Programm. Die Frage ist nur, ob man die teure Mitgliedschaft dazu wirklich noch braucht, denn geheime Techniken werden hier nicht vermittelt und Abnehmgruppen bilden kann man schließlich auch ohne WW.

Fünf Fragen zu Weight Watchers

Gut oder schlecht? In der heutigen Fassung ist Weight Watchers ein Programm, das die Körperchemie ganz exzellent und nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beim Abnehmen unterstützt, aber dafür wurde der Anspruch des entbehrungsarmen Ernährungsprogramms fast völlig aufgegeben.

Schnell oder langsam? Langsam, kontinuierlich und gesund.

Teuer oder preiswert? Teuer, und nach oben sind keine Grenzen gesetzt, man kann sich heute sogar persönlich coachen lassen. Das ist mal vornehm.

Was ist mit dem Jojo-Effekt? 2015 starb Jean Niedetch 91-jährig und hat, laut eigener Aussage, seit 1962 ihr Idealgewicht nicht mehr überschritten. Ich bin allerdings etwas skeptisch, was den Lernerfolg bei WW betrifft: Lernt man hier wirklich, was genau wo drin ist, und dass Eiweiß gut, Fett nicht in jedem Fall schlecht und Zucker zu vermeiden ist oder bleibt bloß hängen, dass Hähnchenbrust weniger Punkte hat als ein Brötchen, ohne, dass man dem Warum zu nahe kommt? Schließlich ist die Antwort auf dieses Warum die wirksamste Hilfe beim Vermeiden des Jojo-Effekts.

Für wen ist das Programm gut? Für Leute, die Geld übrig haben und gesund Gewicht verlieren wollen, aber keine Zeit oder Lust haben, sich mit ihrer Ernährung und Fitness in der Theorie zu beschäftigen und die es nicht stört, wenn man ihnen Vorschriften macht.

Zu den Weight Watchers

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