Stellen wir uns mal vor, es hätte der Tabakindustrie zur Zeit ihrer Blüte nicht mehr gereicht, ihre Waren nur an Raucher zu verkaufen und sie hätten begonnen, Nichtraucherabteile über Luftschächte mit Nikotin zu bedampfen – sowie Schulen, Krankenhäuser und Kitas. Völlig undenkbar – oder? Im Falle der Zuckerindustrie ist aber genau das die gängige Praxis.

Wurstesserinnen, Matjeskonsumenten und vor allem Kinder werden gegen ihren Willen oder den Wunsch ihrer Eltern mit Zucker gefüttert. Laut „Medical Daily“ sind in den USA mittlerweile 80% aller Lebensmittel mit Zucker angereichert und wir sind auch auf dem besten Wege dorthin. Gemäß einer Broschüre der Verbraucherzentrale („Versteckte Süßmacher“), gibt es derzeit 70 verschiedene Bezeichnungen, unter denen Zucker in Lebensmitteln versteckt werden kann, damit es selbst überdurchschnittlich gut informierten Supermarktkundinnen und -kunden immer schwerer gemacht wird, in Erfahrung zu bringen, wieviel Zucker sie kaufen.

Zuckerjoghurt mit etwas Frucht

Es gibt Produkte, in denen drei, vier oder sogar mehr unterschiedliche Zuckerarten verbaut sind. Wieso sind da verschiedene Zucker drin, reicht nicht einer? Naja, zum Süßmachen würde einer reichen. ABER die Zutaten in den Zutatenlisten sind der Menge nach sortiert. Wovon am meisten drin ist, steht an erster Stelle. Und wie würde es wohl aussehen, wenn bei einem Fruchtjoghurt gleich an zweiter Stelle Zucker stünde, statt Frucht? Den würde keiner kaufen, schließlich wollte man einen Becher Fruchtjoghurt mit etwas Zucker und nicht einen Becher Zuckerjoghurt mit etwas Frucht. Also teilt man den Zucker in drei Teile, die dann an dritter, vierter und siebter Stelle der Zutatenliste stehen. Einer davon heißt dann auch noch Fructose, das klingt als käm’s aus der Frucht und wäre gesund. Das sieht doch gleich viel besser aus.

Gekaufte Wissenschaftler

Bis in die frühen 1970er Jahre wurde im Fernsehen für Zigaretten geworben. Mitunter sogar mit Ärzten, die erklärten, was sie selbst gern rauchen – und mit Kindern, die versprachen, wenn sie einmal groß wären, würden sie dieselbe Zigarettenmarke rauchen wie der Papa. Bereits in den 1950er Jahren gab es immer wieder Schadensersatzprozesse gegen die Tabakindustrie. 1963 war der Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs zweifelsfrei bewiesen, aber gekaufte Wissenschaftler „bewiesen“ immer wieder das Gegenteil (aerzteblatt.de: „Vom Teufel bezahlt“). Und die Medien griffen stets begeistert die Pressemitteilungen ihrer Anzeigenkunden aus der Tabakindustrie auf. Wieso, muss ich nicht erklären. Die Tabakindustrie war DIE wirtschafliche Großmacht. Sie galt als absolut unbezwingbar. Die konnte sich alles erlauben. Zumindest, bis mehrere internationale Tabakkonzerne 1998 durch Schadensersatzprozesse in den USA gezwungen wurden, interne Dokumente zu veröffentlichen.

In diesen Dokumenten war zu lesen, in welchem Rahmen Politiker, Wissenschaftler, Medien, etc. gekauft worden waren und wieviel noch unternommen wurde, um die Öffentlichkeit von der Unschädlichkeit des Rauchens zu überzeugen. Noch 2003 wurde – ausgerechnet im British Medical Journal, das bereits 1985 vor der Kooperation der Wissenschaft mit der Tabakindustrie gewarnt hatte („Taking money from the devil“) – „ein Artikel aus tabakindustriefinanzierter Forschung publiziert, der den längst bewiesenen Zusammenhang zwischen passivrauchen und Gesundheitsschäden erneut bezweifelte.“ (aerzteblatt.de)

Die Position der Tabakindustrie nimmt heute die Zuckerindustrie ein. Und das, wie zu befürchten ist, mit ALLEM Drum und Dran. Sie nimmt sich, erschreckenderweise, noch mehr raus, als sich die Tabakindustrie getraut hat, und versucht gerade mit einer Dreistigkeit, die Ihresgleichen sucht, den Ball der Verantwortung zu uns zu spielen.

Tim Mälzer wurde ein bisschen wütend

Neulich ist Tim Mälzer im Fernsehen ja ein bisschen wütend geworden. Das ging ordentlich durch alle Medien. Das war in einer Sendung der ARD zum Thema Zucker: „Hart aber fair. Der Feind in meinem Essen – wie ungesund sind Zucker und Co.?“ Es ging hier vor allem um offensive Werbung für überzuckerte Produkte. Tim Mälzer regte sich darüber auf, dass Frühstückscerealien mit 43 Gramm Zucker auf 100 Gramm als gesundes Frühstück angepriesen werden. Yup! Darüber kann man sich aufregen. Wenn schon mein „gesundes“ Frühstück fast zur Hälfte aus Zucker besteht, wieviel Zucker erwarte ich dann in meinen Süßigkeiten?

Die Sendung war alles in allem sehr seltsam. Der Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftlichen Vereinigung Zucker, Günter Tissen, beklagte natürlich zunächst mal die Vorverurteilung des unschuldigen Zuckers in den Film-Einspielern. Zucker allein wäre ja nicht böse, es käme auf die Menge an, und es wäre ja das Verhältnis „Fett, Zucker, Eiweiße“ aus der Balance geraten, aber vor allem würden wir uns viel zu wenig bewegen, denn es käme einzig auf die Energiebilanz an. Was der Mann da nur ganz leicht verschleiert sagt, ist: Übergewichtige sind selbst Schuld, sie essen zu viel und bewegen sich zu wenig.

Irgendjemand hätte in diesem Zusammenhang mal die Frage stellen müssen, „wer presst denn heimlich immer mehr Zucker in alles, was nicht wegläuft?“ Hat leider keiner gestellt.

Ganz erfrischend war aber die ZDF-Moderatorin Anastasia Zampounidis, die seit zehn Jahren zuckerfrei lebt und als sie gefragt wurde, womit sie sich denn mal belohnt, antwortete, ihre Pralinen wären getrocknete Datteln mit Walnüssen drin. Die hätten doppelt so viel Kalorien wie Schokolade, dann drehte sich die schlanke Frau, deutete auf ihren nicht vorhandenen Bauch und sagte „Alles klar?“ Mir war das klar, Herrn Plasberg auch, aber hier ist die Chance versickert, auch alle anderen darüber zu informieren, dass der Körper auf verschiedene Nährstoffe verschieden reagiert und dass eine Kalorie eben nicht einfach eine Kalorie ist, weil wir keine simplen Verbrennungsmotoren sind. Damit hätte sich Herr Zuckerwirtschaftsvorsitzender dann auch mal gehackt legen können, mit seiner Energiebilanz.

Alfred Hagen Meyer, Anwalt für Lebensmittelrecht, Vater von vier Kindern, ist in der Deutschen Gesellschaft für Ernährung tätig und beschwerte sich über Lehrerinnen, die von der Ernährungspyramide nichts wissen wollen. Ebenso outete sich der Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, Christian Schmidt von der CSU, als Erfüllungsgehilfe der DGE und will die Ernährungspyramide als Ernährungsstandard in der Schulverpflegung und auch im Unterricht zur Pflicht machen. Bleibt zu hoffen, dass er entweder nicht mehr lange genug im Amt ist, um sein „Nationales Qualitätszentrum Schulverpflegung“ zu errichten oder dass es die DGE bitte noch rechtzeitig aufgibt, „fettarm mit reichlich Kartoffeln und Getreide“ zu predigen, sonst haben wir mit derzeit sechs Millionen Diabetes-Typ-2-Erkrankten noch lange nicht die Oberkante erreicht („Wie die DGE uns immer dicker und kränker macht“).

Zucker ist ein Suchtmittel

Die Tabakindustrie hat gezeigt, wie vollkommen skrupellos Industriekonzerne sind, wenn es um Profit geht. Sie musste sich dabei völlig ausziehen und alle konnten alles sehen. Alles. Und trotzdem wiederholt sich die Geschichte hier nicht bloß, die Neuauflage ist sogar noch krasser.

Zucker ist ein Suchtmittel. Suchtmittel, ob nun legale oder illegale, unter undurchsichtigen Decknamen in möglichst viele Lebensmittel einzumogeln, um die Sucht danach zu erzeugen und aufrecht zu erhalten, ist Nötigung und vorsätzliche Körperverletzung. Das sollte eigentlich strafbar sein. Der Spiegel hat bereits 2012 einen interessanten Artikel zu diesem Thema veröffentlicht: „Die süße Droge“.

Wem kann man noch trauen?

Wir stehen schon seit einigen Jahren immer wieder ganz am Anfang der Zuckerdiskussion. Sie beginnt und ebbt dann schnell wieder ab. Aber jeder Neubeginn der Diskussion macht ein wenig Hoffnung, und wir dürfen gespannt sein, ob in den nächsten Runden vielleicht auch schon besser informierte Zuckergegner zu Wort kommen. Die Industrie geht schließlich nie ohne eine Handvoll Totschlagargumente aus dem Haus. Und dagegen ist auch Tim Mälzer, der seine Portion Menschenverstand sehr emotional in den Ring wirft, leider nur ein Leichtgewicht.

Links, die im Alltag weiterhelfen

Zum Glück mehrt sich die Zahl derer, die abseits von wirtschaftlichen oder politischen Interessen versuchen, die Leute einfach nur zu informieren.

Gibt’s da nicht ’ne App?

Doch, auch die gibt’s. Sie kann im Supermarkt helfen, versteckte Zucker zu entlarven:
Süßmacher für iOS
Süßmacher für Android
Kost nix, einfach mal ausprobieren!

… und hier geht es weiter mit Teil 2 des Zuckerreports